Kurzgeschichte: Zeit-Arbeit von Manfred Voita

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Irgendetwas bleibt immer übrig, das verstehen nicht nur die flammenden Verfechter des offenen Kamins, wenn das glühende Vergnügen des vergangenen Abends zu Asche zerfallen ist. Selbst das Manuskript, mit dem Zimmermannsbleistift verfasst, lässt einen Stummel zurück, der noch auf Jahre in der Schublade immer wieder beiseite geschoben werden muss, bis er von einer späteren Generation entsorgt, das heißt, der Sorge anderer anvertraut wird.

Warum also sollte verbrauchte Zeit spur- und rückstandslos verschwinden? 24 Stunden pro Tag, 365 Tage, in Schaltjahren sogar 366, im Jahr räumen Zeit-Arbeiter sorgfältig weg, was übrig bleibt und unsere Uhren und Terminkalender stören könnte: angefangene Minuten, angebrochene Stunden, die von Handwerkern berechnet wurden, weil sie auf dem Weg zum Kunden 15 Minuten brauchten, aber 60 abrechneten. Nicht genommene Pausen, ungenutzte Parkzeit und was es da sonst noch so gibt. Es braucht kein mathematisches Genie, um durch einfache Addition feststellen zu können, dass so mancher Tag mehr als 24 Stunden hätte, wären da nicht die Zeit-Arbeiter, die mit dem Kurzzeitmesser Überstunden kappen und in Stundenhotels durchbringen, sich ein Minutenschnitzel braten, kleinere Lücken mit etwas Freizeit stopfen oder… aber es sollen hier ja keine Geschäftsgeheimnisse ausgeplaudert werden.

So wunderbar war dieses System eingerichtet, dass niemand Kenntnis davon nahm, nehmen musste. Verbrauchte Zeit war einfach kein Thema – bis die Sommerzeit eingeführt wurde! Eine Stunde weniger bei der Umstellung auf die Sommerzeit, eine Stunde mehr, wenn die Normalzeit wieder gilt: Das dürfte doch kein Problem sein. Doch wer so denkt, verkennt die organisatorischen Schwierigkeiten, die arbeitsrechtlichen Konsequenzen und die Schlafstörungen, die sich daraus ergeben. Bei der Bahn fallen Züge aus oder bleiben mitten in der Nacht eine Stunde lang in verlassenen Bahnhöfen stehen. Gut, mag manch einer denken, das passiert bei der Bahn doch ständig, dafür braucht es keine Zeitumstellung, aber bitte, davon wollen wir doch jetzt nicht auch noch anfangen. Unser Thema ist komplex genug und Sie sollten es mit Ihren unbedachten Einwürfen nicht noch verkomplizieren.

Es geht unter anderem darum, dass die Zeit-Arbeiter, die im Frühjahr eine Stunde weniger bezahlt bekommen, nicht automatisch diejenigen sind, die im Herbst eine Stunde länger arbeiten müssen. Weniger Geld oder mehr Arbeit, wir mögen weder das eine noch das andere und so geschieht es eben, dass Zeit-Arbeiter unzufrieden werden, nachlässig und unkonzentriert, nicht richtig bei der Sache und zack – ist es passiert. Es bleiben Reste, verbrauchte Zeit liegt herum, verschmutzt Zeitfenster oder trübt den Blick durch die Zeitlupe. Schlimmer noch, höchst unangenehme Phänomene wie Doppelstunden oder Ausfallzeiten, sogar Sekundenschlaf treten auf. Erinnerungslücken sind nicht zu schließen, weil da einfach nichts war. Stundenpläne leeren sich auf rätselhafte Weise, wo früher Zeit-Arbeiter Löcher mit Verfügungsstunden füllen konnten.

Und hier nun kommen Sie ins Spiel. Es ist ganz einfach, das Prinzip kennen Sie schon von Ihrer Bank. Geld gibt es ja nicht nur in Form von Münzen oder Banknoten, sondern auch als Buchgeld – und davon gibt es sogar viel mehr. Für Zeit gilt exakt das gleiche: Neben der etwas unhandlichen Zeit, die uns, kaum wollen wir sie festhalten, auch schon wieder durch die Finger rinnt, die gerade nicht da ist, wenn wir sie brauchen und einfach nicht vergehen will, wenn wir auf den günstigen Ausgang einer Operation oder die ersehnte Antwort auf einen Liebesbrief warten, gibt es – ich erzähle Ihnen da nichts neues – die auf Konten wohl verwahrte Zeit.

Unser Versprechen: Wir führen Ihr Zeitkonto – und das nahezu völlig kostenlos, Sie überweisen uns nur eine Überstunde pro Monat, Zeit also, die Sie, wie der Name ja bereits sagt, ohnehin über hatten. Sie bilden Zeitreserven und erhalten darauf jeweils zum Monatsersten eine Zeitgutschrift. Und wenn es dann das nächste Mal hektisch wird, haben wir für Sie ein paar Minuten über.

Mit freundlicher Genehmigung vom Autor Manfred Voita. Hier erfahren Sie mehr über den Autor.

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