Das Verhältnis von Schreiben und Wissen

„Lernen hat eine Nähe zur Bildung, weil sie auf der Lernfähigkeit des Menschen aufbaut. Man greift dabei auf eine anthropologische Grundannahme zurück: Grundlage und Ausgangspunkt des Lernens ist die Tatsache, dass Menschen „bildbar“ sind. Verhalten ist nicht a priori determiniert, sondern enthält vielfältige Freiheitsgrade, die per Sozialisation und Lernangeboten geformt werden können“ (Mackowiak et al., 2008, S. 19).

Gehlen (1990) bezeichnete den Menschen als „Mängelwesen“, der unvollkommen und lebensuntüchtig auf die Welt kommt. Bei dieser Vorstellung wird Lernen zu einer Voraussetzung des Überlebens in der Welt. Die Lernfähigkeit des Subjekts bedeutet aus pädagogischer Sicht die Fähigkeit, sich kulturell-normative Inhalte anzueignen. Nach Piaget (1975) bedeutet das Entwicklung, basierend auf Akkomodation (Anpassung kognitiver Strukturen an die Welt) und Assimilation (Angleichung von Welt an kognitive Strukturen) des Individuums, was im besten Fall eine gelungene Aquilibration (Selbstregulierung, Erhaltung des Gleichgewichts) zur Folge hat. Das Erweitern und Fördern von allen Konstituenten der Schreibkompetenz führt die Schreiberin und den Schreiber zu mehr Sicherheit und Routinen im Schreibprozess.

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Fotoquelle:pixabay. Bücher-Wissen.https://www.schreibhaus.wordpress.com

Deklaratives und Prozedurales Wissen

„Darum nennt man das Wissen die Basis des Verhaltens, „die Verhaltensbasis“. Ohne Wissen keine Tätigkeit. Ein Organismus, in dem vergangene Tätigkeiten keine Spur hinterlassen würden, der also kein Gedächtnis besäße, könnte nicht handeln, nichts beobachten und deuten, außer jenen Leistungen, vielleicht die in ihm anlagemäßig vorgebildet sind. Das ist aber beim Menschen bekanntlich sehr wenig“ (Aebli, 1995, S. 27).

Textproduktion ohne Wissensbestände ist nicht möglich. Grundlegend ist die Kenntnis von der Schrift. Doch darüber hinaus erfordert die Textproduktion differenzierte  Wissens­bestände. Das  Wissen ist ein wesentliches Verbindungselement zwischen Schreibern und anderen Konstituenten des Schreibprozesses. Das Produkt sowie der Schreibprozess gelingen besonders gut, wenn die Schreiberin und der Schreiber auf eine Wissensbasis zurückgreifen können.  Merz-Grötsch (2000) klassifiziert unterschiedliche Wissensarten wie zum Beispiel Weltwissen, Sprachwissen, Textwissen und Textsortenwissen sowie metakognitives Wissen als Konstituenten für gelingendes Schreiben.

Unter Lernen versteht man den Erwerb neuen Wissens, unter Gedächtnis die Fähigkeit, dieses Wissen wiederfindbar zu  bewahren. Das meiste, was wir von der Welt wissen, haben wir gelernt“ (Kandel & Hawkins, 1994, S. 114).

Aus dem Schreibprozessmodell von Hayes & Flower (1980) geht hervor, dass der Schreiber auf Wissensbestände aus dem Langzeitgedächtnis zurück greift, um seinen Text zu planen, zu generieren und zu organisieren. Wissen über den Adressaten und Wissen über Schreibpläne werden, soweit welche vorhanden sind, aus dem Wissensspeicher des Langzeitgedächtnisses herangezogen.

Deklaratives  (explizites) Wissen ist Faktenwissen, Sachwissen jeder Art, Erfahrungswissen und Allgemeinwissen, worauf bewusst zugegriffen werden kann. Wissen über Konzepte und Konzepteigenschaften, Wissen über semantische Beziehungen, Wissen über Ereignisse und Handlungen, Wissen über Regeln und einschränkende Bedingungen sowie Metawissen. Dieses Wissen wird auch das „Knowing-That-Wissen“ genannt (vgl. Boos, 2010, S. 8).

„Explizites lernen funktioniert schnell. In einem Experiment kann schon ein einziger Versuch  genügen für einen offenkundigen Lernerfolg. „Oft werden dabei gleichzeitig auftretende Reize verknüpft (assoziiert)“ (Kandel & Hawkins, 1994, S. 114).

Diese Lernform ist der Grund für die Erinnerung einzelner besonderer Momente der Biographie, auch sehr junge Schreiberinnen und Schreiber verfügen über dieses Wissen. Jedes Individuum erlebt von Anfang an Situationen, die sich einprägen. Deshalb kann die Methode des biographischen Schreibens bereits mit Schülern der Grundschule erfolgreich durchgeführt werden.

Prozedurales (implizites) Wissen hingegen bedeutet praktisch nutzbares Wissen, das in Prozeduren, Vorgängen, enthalten ist. Für implizites Lernen braucht der Lernende mehr Zeit, der Lernprozess dauert hier länger und läuft zusammen mit praktischem Tun unbewusst ab. Es bedarf vielfacher Wiederholungen bis der Inhalt in das Gedächtnis übergeht. Das implizite Wissen wird auch als das „Knowing-How-Wissen“ bezeichnet.

„Dieses Lernen vermittelt Wissen über vorhersagbare Beziehungen zwischen bestimmten Ereignissen“ (Kandel & Hawkins, 1994, S. 116).

Der Lernerfolg beim impliziten Lernen besteht darin, dass der Lerner, eine Aufgabe nun besser beherrscht als zuvor, allerdings ohne dass derjenige angeben könnte, was genau er eigentlich gelernt hat. Diese Ergebnisse gehen aus Studien mit Menschen hervor, die Verletzungen am Schläfenlappen erlitten hatten, der zur bewussten Registrierung eines Sachverhalts notwendig ist (vgl. Kandel & Hawkins, 1994, S. 116). Beim prozeduralen Wissen handelt es sich um kognitive Strukturen, die aus bereits vorhandenem Wissen  neues Wissen konstruieren oder ableiten können. Der Aneignungs­prozess ist kompliziert aber dafür kann das prozedurale Wissen effektiver abgerufen und eingesetzt werden als das deklarative Wissen.

„Durch Vorgaben wie Textanfänge, Reizwörter, Bilder und Bildfolgen, Höreindrücke, bestimmte Themen, Spielfiguren etc. sollen Kinder beim Schreiben nicht eingeengt, sondern entlastet werden, da durch die Vorgaben Erzählspuren gelegt werden, die von den Kindern aufgegriffen und entfaltet werden können“ (Ossner, 1994, S. 109).

Erzählspuren helfen den Schülern bei ihrem Schreibprozess  und tragen aktiv dazu bei, dass prozedurale Wissensstrukturen aufgebaut werden können und auf diese  zugegriffen werden kann. Erzählspuren steht hier für Assoziationen. Durch das von Ossner (1994) im obigen Zitat beschriebene Angebot an die Schreiberinnen und Schreiber in Form von Ideen und Möglichkeiten, die unterschiedliche Sinne anregen,  werden Assoziationen erzeugt, die als Einstieg in den Schreibprozess dienen.

Serpil Maglicoglu

Literaturangaben

Aebli, H. (1995). Grundlagen des Lehrens. Eine Allgemeine Didaktik auf psychologischer Grundlage. Stuttgart: Klett-Cotta.

Boos, M. (2010). Wissenskommunikation in virtuellen (Lern-) Gemeinschaften. Studienbrief der Fernuniversität in Hagen: Hagen.

Gehlen, A. (1990). Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Berlin: Aula Verlag.

Hayes, J. / Flower, L., S. (1980). Identifying the Organization of Writing Prozcesses. In: Lee W. Gregg und Erwin r. Steinberg (Eds.) Cognitive Processes in writing. Hillsdale. New York.

Kandel. / Hawkins. (1990). Das Gehirn, sein Alphabet und andere Geschichten. (Hrsg.).  Konstanz: Brügelmann, H.  Faude Verlag.

Mackowiak, K. / Lauth, G. W.,& Spieß R. (2008). Förderung von Lernprozessen. W. Stuttgart: Kohlhammer Verlag.

Merz-Grötsch J. (2000). Schreibforschung und Schreibdidaktik. Ein Überblick. (Band I) Freiburg im Breisgau: Ingelore Oomen-Welke Fillibach Verlag.

Ossner, J. „u.a.“(1994). Deutschunterricht für Kinder in der Grundschule.  Frankfurt/M.

Piaget, J. (1975). Das Erwachen der Intelligenz beim Kinde (Franz. Orig.: (1959) la naissance de Lintelligence chez l´enfant. Stuttgart: (Neuchatel, Ch : Delachaux. )

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